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„Alles oder nichts“ am 18. 2. 2011

Oliver Steller begeisterte mit seinem Lessing-Projekt die Schüler und Schülerinnen des Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasiums

Was fällt beim Stichwort „Lessing“ im Rückblick zuerst ein? – Wohl vielen die typische Klassiker- (Reclam-) Farbe Gelb und dann: Aufklärung, Ringparabel, Emilia Galotti, Bürgerliches Trauerspiel – angestaubter, abzuhakender Lernstoff.

So ging es wohl auch den fast 300 Schülerinnen und Schülern der Oberstufe des Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasiums, die sich trotz der Information durch ihre Deutschlehrer zunächst nicht unbedingt mit größter Euphorie am Freitag in der Aula des WEGs zu dem Lessingprojekt „Alles oder nichts“ von Oliver Steller einfanden.

Und dann: Einige Sätze, ein paar Takte Musik – und der Bann war gebrochen. Der Rezitator, Sänger und Gitarrist Oliver Steller hatte gemeinsam mit seinen Begleitern Bernd Winterschladen (Saxophon) und Dietmar Fuhr (Kontrabass) die Schüler sofort in den Bann des unruhigen, jede von außen gesetzte Grenze sprengenden Geistes Lessing gezogen.

Konzentriert erlebten die Schüler ihnen bisher zum Teil unbekannte Seiten der Biografie Lessings nach: das von orthodoxer Frömmigkeit geprägte Elternhaus, die Zeit im Internat mit 25 (!) Wochenstunden Religion und 15 (!) Stunden Latein, die vielfältigen Studien, die beruflich unsicheren Jahre, die Zeit am Hamburger Nationaltheater und schließlich als Bibliothekar in Wolfenbüttel. Lessing, der in jungen Jahren durchaus absolut kein bürgerlich genormtes Leben führte. Lessing, der an einem einzigen Abend mehrere Monatsgehälter verzockte. Lessing, der kurz hintereinander Frau und Kind verlor. Lessing, der Autoritätskritiker, der Satiriker, der Dramentheoretiker und Dramatiker.

Oliver Steller schaffte es, mit der Nacherzählung der Lebensgeschichte Lessings, gestützt auf gesungene oder rezitierte Originaltexte, den Schülern ein unerhört lebendiges Bild des großen Dichters der Aufklärung zu vermitteln, das auch ein Licht auf die Gegenwart und die eigene Einstellung zum Leben wirft. Fast hätte man am Ende der Vorstellung die sprichwörtliche Stecknadel fallen hören können, als Steller ohne jede andere Begleitung die Ringparabel aus Lessings „Nathan“ vortrug.

Begeisterung rief natürlich am musischen Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasium auch die musikalisch sehr sensible Ausgestaltung hervor. Man hatte es ja nicht nur mit einem der besten Rezitatoren in deutscher Sprache zu tun, sondern obendrein mit hervorragenden Musikern. Oliver Steller selbst spielte früher bei Santana und Miles Davis, Bernd Winterschladen und Dietmar Fuhr haben in der Jazz-Szene große Namen.

Der anhaltende Applaus trotz anschließend drohender Zeugnisausgabe zeigte: Das war ein wunderbares Abschiedsgeschenk vom WEG an die K13. Es bleibt der Wunsch, dass Steller in einigen Jahren wieder einmal einer neuen Generation von Oberstufenschülern Literatur sinnlich so direkt nahe bringen darf.

OStRin I. Kretschmann


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