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Ich kannte die Hauptperson“


Autor Martin Mosebach zu Gast am WEG



Wenn man Rezensionen über Martin Mosebachs Werke vergleicht, fällt sofort auf: Die meisten von ihnen sind in ungewöhnlich poetischer Sprache verfasst. In Tageszeitungen erscheinen plötzlich bildhafte Beschreibungen und Literaturkritiker umhüllen ihre wohlwollenden Worte mit aussichtsreichen Adjektiven.

Sobald man einen Einblick in die sprachliche Komposition des Schriftstellers bekommt, wird klar, weshalb seine Geschichten derart eifrig beurteilt werden: Martin Mosebach selbst ist ein Meister der ausdrucksvollen Darstellung. Geschickt miteinander verknüpft erschaffen seine wohlklingenden Sätze ein klares, charaktervolles Bild, für welches er, neben zahlreichen Auszeichnungen, auch den „Georg- Büchner Preis“ erhalten hat.

Anlässlich der „LesArt“ Schwabach war er auch im Wolfram- von- Eschenbach Gymnasium zu Gast, um aus seinem aktuellen Roman „Das Blutbuchenfest“ vorzulesen. Aber diesmal saß ihm keine literarische Fachwelt gegenüber. Da waren nur wir, die Q11 des WEGs und es blieb abzuwarten, inwiefern sich das komplexe Werk Martin Mosebachs mit unserem Dasein als Schüler vertragen werde.


Erwartungsvoll strömen wir gegen Ende der Pause in den Mehrzweckraum, sichern uns einen Platz inmitten der sorgfältig angeordneten Stuhlreihen, dann noch schnell aufs Klo und ein paar Tomaten essen. Aus den Augenwinkeln wird bereits ein älterer, friedlich blickender Herr wahrgenommen, welcher offensichtlich der Autor ist. Mit einem geduldigen, fast teilnahmslosen Lächeln wartet er zunächst vergeblich auf das Einkehren von Ruhe. Schließlich jedoch ertönt der Stundengong und unsere Aufmerksamkeit wendet sich nun dem Schriftsteller zu, welcher sich inzwischen hinter einem Rednerpult positioniert hat.

Nach einer hektischen Begrüßung beginnt er ganz plötzlich, mit schneller, kräftiger Stimme aus seinem Roman „Das Blutbuchenfest“ zu lesen. Es dauert eine Weile, bis die vielschichtige Erzählweise in unsere Köpfe dringt. Ich muss mich zunächst konzentrieren, um der Handlung zu folgen und nicht, angeregt durch eine interessante Textstelle, in meine eigene Gedankenwelt abzutauchen. Mit der Zeit jedoch versinke ich mehr und mehr in der Atmosphäre einer bosnischen Hochzeit, welche das zentrale Thema des vorgetragenen Kapitels ist: Der Geruch von Tabak und Feuer umwabert meine Nase, ich höre Stimmgewirr und rustikale Tanzmusik. Obwohl die Stimmung heiter scheint, drückt mir der Erzählstil aufs Gemüt, ich habe den Eindruck, etwas sei nicht richtig. Doch nichts Erschreckendes passiert. Ganz im Gegenteil: Die ausgelassene Feier wird immer klarer vor meinen Augen, ich bekomme einen Einblick in die Tiefen des schier unergründlichen Charakters der Hauptfigur, Putzfrau Iwana. Allmählich beginne ich ihre Denkweise zu verstehen, fühle mit ihr, bin gerührt von ihren Taten. Plötzlich aber geschieht etwas Unerwartetes: Auf einmal bin ich kein Zuhörer mehr, gewaltsam werde ich in die Handlung hineingerissen. Was passiert hier bloß? Entsetzen breitet sich in mir aus, um mich herum herrscht Panik und Fassungslosigkeit, grelle Schmerzensschreie dringen an mein Ohr.

Das Kapitel endet abrupt.

Ich verharre, in Verwirrung erstarrt, bereite mich auf ein erlösendes Gemurmel vor, bleibe angespannt sitzen, meine bereits Gekicher zu vernehmen,


doch es bleibt still.


Die Meinungen über Martin Mosebachs Lesung gingen letzten Endes deutlich auseinander. Von „prätentiös“ über „grausam“ bis „fesselnd“ war vieles dabei. Verständlich, denn die Worte des Autors haben einen sehr eigenwilligen Charakter: Sie drängen sich schlichtweg auf- ob man sie hören will, oder nicht. Seine Sätze werden in meinem Kopf noch lange nachhallen und ich werde mich wieder an den Duft von brennendem Holz und das Gefühl von Unbehagen und Schrecken erinnern.

Warum die uns bekannte Textstelle aber so derartig zerstörerisch in den Raum einschlug, ist mir weiterhin ein Rätsel.

Als der Autor nach dem Hintergrund seines Buches gefragt wurde, sagte er nur: „Ich kannte die Hauptperson“.

Das wäre eine Erklärung.




Anastasia Stark; 22. 11. 2015

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