Die unpolitische Schule

Wie Sozialkunde ist und wie sie eigentlich sein könnte

Von Hans-Peter Kastenhuber

in: Nürnberger Nachrichten vom 27.9.2007, S. 14

Wer bereit sein soll, die Demokratie gegen ihre Feinde zu schützen, muss von ihrem Wert überzeugt sein. Und er muss sie verstehen. Spielt Politik an unseren Schulen die Rolle, die sie eigentlich verdient?

Politik ist ein schmutziges Geschäft: Politiker sind unfähig, überbezahlt und nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht. „Von denen kann man doch keinen wählen.“ Man muss nicht viel Ahnung haben von der Organisation unseres Gemeinwesens, um sich ein paar der oberflächlichsten Vorurteile zu Eigen zu machen und sich so unter Protest aus dem Demokratiebetrieb zu verabschieden. Äußerungen der eigenen Eltern in dieser Tonlage sind oft die ersten Kontakte von Kindern und Jugendlichen mit dem Thema Politik.

Der zweite Kontakt findet dann in der Schule statt Da ist Politik in aller Regel vor allem eines: staubtrocken. „Sozialkunde ist bei den Schülern ein unbeliebtes Fach, weil es meist nur aus Institutionenkunde besteht“, sagt Eckhard Spannraft. Lange Jahre hat er als Didaktik-Dozent an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Erlangen-Nürnberg alles versucht, dass sich daran was ändert. Seit vergangenem Jahr ist er im Ruhestand, und seine Hoffnung, an bayerischen Schulen werde Sozialkunde mehr und mehr in einer Form unterrichtet, die etwas mit dem Leben der Schüler zu tun hat, ist nicht sonderlich groß. In der Lehrerbildung wird nach wie vor gern theoretisiert. Viel wird darüber geredet, was den Schülern alles vermittelt werden muss, eher wenig, wie das erfolgreich geschehen könnte.

Und so wird Sozialkunde allzu oft nach dem Buch gelehrt. Da steht dann drin, wie unser föderales System organisiert ist, was der Bundestag zu beschließen hat, welche Rolle der Bundesrat bei der Gesetzgebung  spielt und warum wir uns neben dem Bundeskanzler auch noch einen Bundespräsidenten leisten. „Es gibt viele Untersuchungen über die Wirkungslosigkeit solcher Institutionenkunde“, sagt Spannraft. „Nach wenigen Wochen haben die Schüler das alles wieder vergessen.“

Wer mehr erreichen will im Sozialkundeunterricht, muss konkrete Probleme der aktuellen Politik aufgreifen. Vor allem solche, die für die Schüler nachvollziehbar, erfahrbar sind: Lehrstellenmangel, Arbeitslosigkeit, Umweltprobleme, Wehrpflicht, oder auch kommunale Streitfragen, bei denen es um Verkehrsprojekte, Spielplatzbau oder den Ärger um Diskothenkenlärm gehen kann. In Planspielen lernen die Schüler schnell die gegensätzlichen Interessen der an solchen Konflikten beteiligten Gruppen kennen. Der Lehrer kann Experten aus dem wirklichen Leben in den Unterricht holen (Spannraft: „Da kriegen Sie immer jemanden“). Die Schüler dürfen Strategien entwickeln, wie in der gespielten Auseinandersetzung neue Mehrheiten zu organisieren sind. Am Ende kann eine Abstimmung stehen, bevor dann in einer zweiten Phase der Ablauf des Spiels ausgewertet und beispielsweise die Frage gestellt wird, ob denn immer „moralisch argumentiert“ wurde.

Wenn mitten in einem solchen Planspiel geklärt werden muss, wer in einer Stadt was genau zu entscheiden hat, wer die Zusammensetzung von Gremien bestimmt, wer direkt von den Bürgern oder aber vom Stadtrat gewählt wird, dann wollen das Schüler auch wissen. Dann wird Institutionenkunde greifbar und bleibt in Gedächtnis. Spannraft: „Weil Kognitives mit Emotionalem verbunden ist.“

Mit das Wertvollste an einer solchen Auseinandersetzung mit den Thema Politik ist nach Überzeugung des Didaktikers, dass Jugendliche „ein realistischeres Bild von Demokratie gewinnen“. Sie lernen, dass Interessenvertretung zum demokratischen Alltag gehört, dass Mehrheitsentscheidungen akzeptiert werden müssen und die Macht nicht gleich verteilt ist. Aber sie können auch erfahren, wie eigene Initiative und das Einmischen in öffentliche Belange das Selbstwertgefühl steigert.

Keine schlechten Voraussetzungen wären das, um junge Menschen gegen die antidemokratischen Parolen von Rechtsextremisten zu wappnen. Man müsste es nur wirklich wollen. Man müsste Lehrern Methodenkompetenz vermitteln und ihnen genügend Raum für Politikprojekte lassen. In den Hauptschulen, meint Spannraft, seien die Voraussetzungen noch am besten. Immerhin zwei und ab der siebten Klasse drei Wochenstunden GES (Geschichte, Sozialkunde, Erdkunde) können relativ frei genutzt werden.

An den Gymnasien dagegen hilft alle Methodenkompetenz der Lehrer nicht weiter. Ausschließlich in der zehnten Klasse wird dort Sozialkunde unterrichtet. Mit einer einzigen Wochenstunde. Als sei der unpolitische Schüler das Ziel der Ausbildung.