Das Studienseminar am WEG

- OStD Dr. Kifmann, Seminarvorstand, Seminarlehrer für Schulrecht und Schulkunde

- StD Günther Ponath, stellvertretender Seminarvorstand, Seminarlehrer für Geografie

- StD Roland Kretzer, Seminarlehrer für Deutsch

- OStRin Maria Knepper, Seminarlehrerin für Englisch

- OStRin Sigrid Fehn, Seminarlehrerin für Geschichte

- OStRin Angelika Karrer-Bauernfeind, Seminarlehrerin für Sport weibl.

- OStRin Annett Kroner, Seminarlehrerin für Sozialkunde und Grundfragen der staatsbürgerlichen Bildung

- StR Johannes Glenk, Seminarlehrer für Pädagogik

- StRin Katrin Lindner, Seminarlehrerin für Psychologie
Muss das denn wirklich sein, dass die Klasse meines Kindes nun schon wieder von einem Referendar/einer Referendarin unterrichtet wird? Mit dieser oft in anklagendem Ton vorgebrachten Elternfrage werden Schulleitung und Seminarlehrer nicht nur an unserer Schule immer wieder konfrontiert. Die Antwort darauf kann nur lauten: Ja, das muss sein. Warum das tatsächlich so sein muss, will ich versuchen im Folgenden etwas näher zu erläutern. Mit meinen Ausführungen möchte ich auch dafür werben, für die besonderen Gegebenheiten, die der Seminarbetrieb an einer Schule wie dem WEG mit sich bringt, Verständnis aufzubringen. Es sei dabei aber gar nicht in Abrede gestellt, dass an einer Seminarschule Unterrichtsbetrieb und Lehrerausbildung je nach Standpunkt der Beteiligten hin und wieder im Fokus widerstreitender Interessenschwerpunkte gesehen werden:
- Schüler und Eltern legen verständlicherweise größten Wert darauf, dass möglichst nur Lehrkräfte unterrichten, die fachlich und didaktisch kompetent und methodisch auf der Höhe der Zeit sind. Natürlich sind sie auch daran interessiert, dass möglichst große personelle Kontinuität herrscht und allzu häufige Lehrerwechsel vermieden werden.
- Die Studienreferendare dürfen erwarten, dass ihre Ausbildung reibungslos abläuft und dass man ihnen das nötige Rüstzeug für einen höchst anspruchsvollen und gleichermaßen anstrengenden Beruf mit auf den Weg gibt.
- Die an der Seminarausbildung beteiligten Lehrkräfte müssen dafür Sorge tragen, dass die jungen Kollegen die geforderten Kompetenzen entwickeln können. Dazu gehört unter anderem auch, dass sie in allen ihren Prüfungsfächern und in möglichst vielen unterschiedlichen Klassenstufen eingesetzt werden.
- Das Kultusministerium als oberster Dienstherr ist angesichts des herrschenden Lehrermangels bestrebt, Lücken in der Personalversorgung der Schulen nicht zuletzt durch gezielten Einsatz von Studienreferendaren auszufüllen.
Was nun auf den ersten Blick recht gegensätzlich erscheinen mag, muss jedoch nicht notwendigerweise zu konfliktträchtigen Situationen führen, sofern man auch die jeweils anderen Positionen kennt. Zum besseren Verständnis soll im Folgenden deshalb zunächst kurz der Ablauf des Vorbereitungsdienstes skizziert werden.
Referendariat an bayerischen Gymnasien
Allgemein bekannt sein dürfte die Tatsache, dass der Zugang zum Lehramt in Deutschland über eine zweiphasige Ausbildung erfolgt, wobei beide Phasen jeweils mit einem Staatsexamen abgeschlossen werden. Daran wird sich wohl auch in näherer Zukunft nichts Entscheidendes ändern, auch wenn die zum Lehramt führenden Studiengänge Zug um Zug modularisiert werden (Stichwort: Bachelor- und Masterstudiengänge). An das Studium an einer wissenschaftlichen Hochschule schließt sich ähnlich wie bei den Juristen eine praxisorientierte zweite Phase der Ausbildung an. Und dies ist eben der landläufig als Referendariat bezeichnete zwei Jahre umfassende Vorbereitungsdienst, der an speziellen Ausbildungsschulen, den Seminarschulen, abzuleisten ist, von denen es augenblicklich in Bayern etwa 60 gibt. Bei insgesamt etwas über 300 staatlichen Gymnasien ist mithin jede fünfte Schule eine Seminarschule. Diese im Unterschied zu vielen anderen Bundesländern relativ hohe Zahl erklärt sich dadurch, dass der Vorbereitungsdienst in Bayern in dezentraler Form durchgeführt wird. Während etwa in Baden-Württemberg ein Fachseminar für Deutsch mit Beifach leicht 50 und mehr Studienreferendare umfassen kann, die zentral von einem dort als Hauptseminarleiter bezeichneten Mentor mehr oder weniger intensiv betreut werden, die aber auch an ebenso vielen Einsatzschulen unterrichten, erfolgt die Seminarausbildung in Bayern in so genannten Kleingruppenseminaren, die je nach Fächerverbindung auch im Höchstfall nur wenig mehr als zehn Studienreferendare umfassen. Nur selten - und dies auch nur an ganz großen Schulen - übersteigt dabei die Gesamtzahl der Referendare an einer Seminarschule die Zahl dreißig. Insgesamt ist in den letzten Jahren jedoch eine Tendenz zu immer größeren Seminaren zu beobachten, was aber wohl weniger mit einer steigenden Zahl von Hochschulabsolventen zu tun hat als vielmehr mit Einspar- und Synergieeffekten.
Referendarsausbildung in drei Abschnitten: ein Erfolgsrezept
Diese zweite Stufe der Lehrerausbildung gliedert sich in drei Ausbildungsabschnitte. Die Ausbildung im ersten und im letzten Halbjahr findet jeweils an der Seminarschule statt. Am WEG befanden sich im eben abgelaufenen Sommerhalbjahr beispielsweise 21 ReferendarInnen mit insgesamt sieben verschiedenen Unterrichtsfächern im ersten Ausbildungsabschnitt ihres Vorbereitungsdienstes. Dazwischen verbringen die Referendare ein Jahr an einer so genannten Einsatzschule irgendwo in Bayern, wo sie ihre praktischen Erfahrungen vertiefen sollen.
1. Ausbildungsabschnitt: Hineintasten in den Schulalltag
An unserer Schule, einer Seminarschule mit Beginn der Ausbildung im Februar, gestaltet sich der Ausbildungsbetrieb folgendermaßen: Nach dem Zwischenzeugnistermin Mitte Februar treten die neu ernannten Studienreferendare ihren Dienst an. Die Ausbildung besteht aus mehreren Komponenten. Zum Kernprogramm gehört selbstverständlich die Vermittlung fachdidaktischer und methodischer Kompetenzen im Rahmen wöchentlich stattfindender Fachsitzungen in den beiden Unterrichtsfächern. Daneben gibt es Seminare in Schulkunde und Schulrecht, in Pädagogik und pädagogischer Psychologie sowie in Grundfragen der staatsbürgerlichen Bildung. Den Unterricht erleben die jungen Kolleginnen und Kollegen anfänglich noch passiv in Form von Hospitationen bei ihren jeweiligen Fachseminarlehrern, später auch bei anderen Kollegen. Hierbei ergeben sich dann auch die ersten Schnittpunkte zwischen Seminarausbildung und normalem Schulbetrieb. Die Schüler nehmen die Studienreferendare zunächst also als Gäste in ihrer Klasse wahr.
Nach einigen Wochen beginnt dann die Phase der Lehrversuche: Die Referendare übernehmen einzelne - noch gemeinsam mit dem Seminarlehrer vorbereitete - Unterrichtsstunden, bevor dann in der Regel nach den Osterferien die eigentliche Zeit der Begegnung mit der oft rauen Unterrichtswirklichkeit beginnt. In dieser sich bis zu den Sommerferien erstreckenden Phase des "zusammenhängenden Unterrichts" übernehmen die Studienreferendare in jedem ihrer Unterrichtsfächer jeweils eine Klasse entweder von den Seminarlehrern oder bei entsprechender Seminargröße zusätzlich auch von anderen Kollegen, die dann in diesem Fall als Betreuungslehrer fungieren und die Seminarlehrer bei der Ausbildung unterstützen. Nimmt man beispielsweise das derzeitige Seminar mit insgesamt 21 Referendaren, so ergibt sich bei Zweifächerverbindungen bereits ein Bedarf von 42 Klassen für den Seminareinsatz, der sich im Fall von Referendaren mit einem dritten Fach, dem sogenannten Erweiterungsfach, noch erhöht. Dabei lässt es sich unterrichtsorganisatorisch nicht vermeiden, dass es auch zu Doppel- oder Mehrfachbesetzungen kommt. Da darüber hinaus dem WEG wie jedem sonstigen Gymnasium noch regelmäßig Studienreferendare im 2. Ausbildungsabschnitt von anderen Seminarschulen zugewiesen werden, um den Unterrichtsbedarf zu decken, kann es im Extremfall durchaus dazu kommen, dass eine Klasse in drei oder vier Fächern von Referendaren unterrichtet wird.
Zweigschuleinsatz: Sammeln von Erfahrungen
Mit Beginn des folgenden Schuljahres treten die Referendare dann ihren ein ganzes Jahr dauernden zweiten Ausbildungsabschnitt an einem anderen Gymnasium, ihrer so genannten Einsatzschule, an. Dort erteilen sie eigenverantwortlich Unterricht und werden dabei von Schülern, Eltern und Kollegen zumeist als ganz "normale" Lehrer wahrgenommen. Lediglich zu vier Seminarveranstaltungen (zwei davon dreitägig, zwei weitere zweitägig) kommen sie während dieses Jahres an ihre Stammschule, halten im Übrigen aber per E-Mail und Telefon engen Kontakt mit ihren Seminarlehrern.
3. Ausbildungsabschnitt: Das Referendariat wird mit dem 2. Staatsexamen abgeschlossen
Für das Oberseminar, das sein Einsatzjahr bereits hinter sich gebracht hat, beginnt im September hingegen der stressreiche dritte Ausbildungsabschnitt, der im Dezember mit dem Zweiten Staatsexamen abgeschlossen wird. Als Beitrag zum Abbau des durch andere Maßnahmen offenbar nicht zu behebenden allgemeinen Lehrermangels hat das Kultusministerium seit einigen Jahren verlangt, dass die Referendare in dieser Ausbildungsphase, die ja eigentlich ganz unter dem Vorzeichen der Vervollkommnung der didaktischen und methodischen Kompetenzen stehen sollte, einen Teil ihres Unterrichts eigenverantwortlich erteilen müssen. Das heißt, dass ihnen für den Unterricht in diesen Klassen keine Betreuungslehrer zur Seite stehen. Dies ist leider auch im laufenden Schuljahr aus finanzpolitischen Gründen wieder der Fall. Im Laufe eines Schuljahres treten also an unserer Schule drei verschiedene Seminare in Erscheinung: von September bis Februar ein Oberseminar im letzten Ausbildungsabschnitt, von Februar bis Juli ein Seminar im ersten Abschnitt und zusätzlich während des ganzen Jahres - allerdings nur zu den Seminartagen - das Seminar im Einsatzschuljahr.
Junge, gut ausgebildete Referendare im Einsatz: Ein großes Plus für jede Schule
Abschließend möchte ich dem angesichts des Unterrichtseinsatzes von Studienreferendaren immer wieder artikulierten Unbehagen einige Thesen entgegenstellen, die hoffentlich geeignet sind, das eine oder andere Vorurteil abzubauen.
- Wie alle übrigen Lehrkräfte an einem Gymnasium sind Studienreferendare Vollakademiker mit einem abgeschlossenen Hochschulstudium, womit der latent vorhandene Generalverdacht noch fehlender wissenschaftlicher Qualifikation leicht auszuräumen sein dürfte.
- Bei Studienreferendaren handelt es sich in aller Regel um hoch motivierte junge Kollegen, die von allmählichen Abnutzungserscheinungen bis hin zum Burn-Out-Syndrom noch völlig unberührt sind.
- Studienreferendare bereiten ihren Unterricht mit einer Intensität und einem Engagement vor, wie sie dies in ihrem späteren Berufsleben aufgrund der ungleich höheren Unterrichtsverpflichtung nie wieder werden leisten können.
- Seminar- und Betreuungslehrer unterstützen sie dabei nach Kräften, wirken erforderlichenfalls aber auch als Korrektiv.
- Während des ersten Ausbildungsabschnitts liegt die Verantwortung für die Einhaltung des Lehrplans und die Notenvergabe ausschließlich bei den Seminar- bzw. Betreuungslehrern. Dies gilt auch für den 3. Ausbildungsabschnitt, solange die Referendare hier keinen eigenverantwortlichen Unterricht erteilen müssen.
- Studienreferendare erfüllen eine wichtige Mittlerfunktion, indem sie den aktuellen Forschungsstand aus den Universitäten in die etablierten Lehrerkollegien tragen.
- Studienreferendare sind grundsätzlich innovativ und bringen den Mut auf, ausgetretene pädagogische Pfade zu verlassen.
- Ein ein- oder gar zweimaliger Wechsel der Lehrkraft innerhalb eines Schuljahres mag zweifellos für einzelne Schüler belastend wirken und die Kontinuität von Lernprozessen stören. Oft genug kann ein solcher Wechsel aber auch wohltuend und leistungssteigernd wirken und als neue Chance empfunden werden.
- Aufgrund des geringeren Altersunterschieds sind Studienreferendare ihren Schülern häufig emotional näher als ältere Lehrkräfte.
- Fast immer sind Studienreferendare bereit, sich flexibel und verständnisvoll auf besondere Gegebenheiten ihrer Schüler und Klassen einzulassen. Es gilt lediglich, diese Angebote wahrzunehmen.
- Latente Ängste, die Schüler könnten im Unterricht von Studienreferendaren Falsches lernen oder methodisch unzureichend unterrichtet werden, sind in aller Regel unbegründet, auch wenn natürlich nicht in jeder Unterrichtsstunde ein "Aufpasser" dabei ist. Es versteht sich von selbst, dass die jungen Kollegen auch Gelegenheit haben müssen, sich unbeobachtet zu entfalten und auch einmal Neues auszuprobieren.
Bei einiger Aufgeschlossenheit muss es demnach keineswegs so sein, dass man die Seminarausbildung an einer Schule als Störfaktor empfindet, sondern viel eher als wertvolle Bereicherung des Schullebens. Dass diese Aufgeschlossenheit zumindest bei einem Teil unserer Schülerschaft durchaus vorhanden ist, können wir immer wieder in unseren Klassen erleben: Nach einer Reihe von Lehrversuchen führen unsere Schüler regelmäßig im März oder April lebhafte und sehr fachkundige Diskussionen über die Frage, welcher Referendar seine Sache wohl am besten gemacht habe und wen sie sich demzufolge als künftige Lehrkraft wünschten.
Günther Ponath, StD
Stellvertretender Seminarvorstand