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»Faszination Sichtbeton«

»Faszination Sichtbeton«

Wenn über das Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasium, insbesondere das Gebäude statt der Institution, gesprochen wird, kommt man eher früher als später auf das für manche leidige Thema Denkmalschutz. Dann oft die nächste Station des Gesprächs: Unverständnis, wieso man einem von manchen als ästhetisch abstoßend empfundenen Betonklotz überhaupt eine solche Ehre angedeihen lassen kann. Kenner antworten dann mit dem Fachbegriff »Brutalismus«, was im Kontext Schule sicherlich noch ein sarkastisches Schmunzeln hervorrufen mag, aber dann ist Tante Google gefragt. In diese Wissenslücke stößt nun zusätzlich das Ende 2025 erschienene Buch »Faszination Sichtbeton«, das sich erstmals in Buchform mit dem Schaffen des bayerischen Architekten Bernhard Heid (1930–2002) auseinandersetzt: »Drei Schlüsselwerke des süddeutschen Brutalismus von Bernhard Heid zeugen in ihrer Radikalität und Schönheit vom Aufbruchsgeist dieser architektonischen Epoche«, verspricht der Klappentext. In der Tat zeichnete Heid mit seinem Büro für zahlreiche Schulen, Bäder und andere öffentliche Einrichtungen, aber auch Gewerbebetriebe – ein großer Teil davon markante Betonbauten – verantwortlich. Genannte Schlüsselwerke, die den Schwerpunkt des hier vorliegenden Buches bilden, sind das Wohnhaus des Architekten in Zirndorf (1966), die Kirche St. Petrus in Walsdorf (1970–1972) und das hiesige Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasium (1971–1978). Wie auch Heids Bauten für das Gymnasium Dinkelsbühl und das Autohaus Pillenstein in Fürth ist selbiges bekanntlich ein in die Denkmalliste des Landes Bayern eingetragenes Baudenkmal. Das Wohnhaus der Familie Heid wurde zudem prominent als Schauplatz einer Tatort-Folge und für den 2023er Spielfilm »15 Jahre« mit Hannah Herzsprung eingesetzt.
Das WEG nimmt in dem Buch in der Tat großen Raum ein – um die 60 Seiten in dem ihm gewidmeten Kapitel plus mehrfache Nennungen anderenorts – sodass das Werk nicht nur für an der Schwabacher Architekturgeschichte Interessierte mehr als einen Blick wert ist und jetzt auch Teil der Schulbibliothek wurde.
Der textile Einband und die Fadenbindung (die man sich beide ein wenig stabiler anmutend wünschen würde) erinnern dabei bewusst oder unbewusst an die Tapeten mancher WEG-Klassenzimmer, die ebenso wie durch die Münchner »Gestaltungsgruppe Farbe – Raum – Plastik« für das Laienauge scheinbar willkürlich aufgebrachte geometrische Farbflächen in Aula und Fluren tatsächlich Teil des ursprünglichen Raumgestaltungskonzepts sind. Der Lerneffekt über eine im Wortsinne unüberschaubare Flut auch kleinster architektonische Details ist überhaupt enorm und Lesende, die das Gebäude schon persönlich näher kennenlernen durften, gehen definitiv nach der Lektüre mit einem ganz anderen Blick – wenn auch nicht notwendigerweise mit weniger Unglauben ob so mancher Entscheidung – durch die Räume.
Besondere Faszination üben neben den fachlichen Einblicken in Textform nicht nur im aufs WEG bezogenen Kapitel die zahlreichen und auch qualitativ hochwertigen farbigen und schwarz-weißen Fotografien sowie Dokument-Reproduktionen aus, die nicht nur historisches Material wie Baupläne erstmals (wieder) öffentlich machen, sondern auch Einblicke in den (relativ) aktuellen Zustand der Bauwerke innen wie außen bieten. Im Schwabacher Fall stammen die abgedruckten Fotos aus dem Corona-Jahr 2020 und der Fotograf Florian Holzherr hat trotz eines gewissen »In-Szene-Setzungs-Grades« der Architektur unschöne Details keineswegs unterschlagen oder gar gephotoshoppt – neben Graffiti darf man unter anderem auch löchrige Wand- und Türverkleidungen aus Schaumstoff und pastellgrünem Kunstleder in der Turnhalle bestaunen… Bewusst in diesem Kapitel platziert man deswegen auch den Hinweis: »Während ein Großteil der Schulen dem Abbruch zum Opfer fielen« (das Buch zitiert am Rande auch einen Artikel der NN mit dem bezeichnenden Titel »Muss man denn immer alles abreißen?«), werde das Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasium »seit 2009 durch die Söhne von Bernhard Heid saniert.«
Der 224-seitige Band von Park Books (Schweiz) trägt die ISBN 978-3038604679 und ist für 48,- Euro im Buchhandel erhältlich. Herausgegeben wurde er von Birgitta Heid, der Tochter des Architekten, die es insbesondere der Mutter Rosi Heid widmet, die »sowohl die Familie als auch das [Architektur-]Büro zusammengehalten hat und zusammenhält.«

Text: Jörg Weese
Fotonachweis: Das Wolfram-von-Eschenbach-Gymnasium in Schwabach, 1971 – 1978, Südwestansicht, bauzeitnahe Aufnahme. Foto: Archiv Nachlass Bernhard Heid © Nachlass Bernhard Heid

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